Wasser trinken

Leichter gesagt als getan

23. Juli 2026
Von: André Uhlig ⁄ Wassersommelier

Gern erspare ich uns die Gründe, weshalb Wassertrinken wichtig ist. Wir kennen sie. Obwohl ich fast täglich mit der Vielfalt der Wässer in Berührung komme, erreiche ich meine Trinkmenge nicht immer. Was hilft, wenn Wissen allein das Glas noch nicht zum Munde führt?

Kommen Sie mit in meinen Alltag: Sieben Wissensdurstige treffen sich in der Aquathek Dresden zu einer Wasserverkostung. 90 Minuten lang probieren sie unterschiedliche Wässer pur und vergleichen anschließend deren Einfluss auf Tee und Wein. Danach kommen zwei von ihnen zu Wort: Regina Rülcker und Christa Ufer.

Möchten Sie nachvollziehen, was wir erlebt haben, oder die Verkostung selbst ausprobieren? So könnten Sie vorgehen: Vier unterschiedliche Wässer, teils mit, teils ohne Kohlensäure, kommen in allen drei Durchläufen verblindet zum Einsatz. Erst am Ende wird aufgedeckt, welches Wasser jeweils verwendet wurde.

Wählen Sie dafür Ihre Wässer nach regionaler Verfügbarkeit aus. Allein aus Deutschland stammen über 800 amtlich anerkannte natürliche Mineralwässer sowie 23 Heilwässer, die arzneimittelrechtlich zugelassen sind.

Im ersten Durchlauf verkosten Sie jedes Wasser pur. Achten Sie darauf, wie salzig, sauer, süß oder bitter es Ihnen erscheint. Rechnen Sie mit sanften Übergängen: Vom Antrunk bis zum Nachhall geben sich die Wässer ihrem Ursprung entsprechend in Geschmack, Textur und Volumen zu erkennen.

Unsere Auswahl: Black Forest still, Staatl. Fachingen STILL, Steinsieker MEDIUM, Rheinsberger Preussenquelle STILL

Die systematische Beschreibung dessen, was geschmacklich und als Mundgefühl wahrgenommen wird, orientiert sich an der deskriptiven Lebensmittelsensorik des SGS Instituts Fresenius und an der Wassersensorik der Doemens Academy.

Es gibt da erstaunliche Unterschiede.

Regina Rülcker

Im zweiten Durchlauf bereiten Sie mit den vier Wässern und demselben grünen Tee je einen Kaltauszug zu. Geben Sie dafür in jedes Glas einen Teebeutel und bewegen Sie alle vier etwa eine Minute lang hin und her. Beobachten Sie den Verlauf der Extraktion und vergleichen Sie anschließend die geschmackliche Intensität der Proben.

Grüner Tee und Scheurebe trocken – unsere sensorischen Referenzen

Unterschiedliche Mineralwässer rufen unterschiedliche Reaktionen hervor.

Im dritten Durchlauf trinken Sie von jedem Wasser ein bis zwei Schlucke und probieren unmittelbar danach denselben Wein. Bei uns war es die Scheurebe trocken 2025, Landwein Rhein, vom Weingut Arno Göhring. Beobachten Sie, welche Facetten des Weines nach jedem Wasser wahrnehmbar werden.

Beim Wein & Wasser Pairing dient der Wein als Konstante. Die hedonische Beurteilung, also die Frage nach meiner persönlichen Vorliebe, tritt zurück. Stattdessen beobachte und beschreibe ich aufmerksam, wie unterschiedlich ich denselben Wein nach jedem Wasser wahrnehme.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das spüre.

Christa Ufer

Jeder bringt zu einer Verkostung andere Vorerfahrungen mit. Geschmacks- und Geruchssinn sind unterschiedlich geprägt; ebenso verschieden ist die Aufmerksamkeit, die wir ihnen bisher geschenkt haben. Warum fehlen uns dabei oft die passenden Worte?

Als mögliche Erklärung führt der Neurowissenschaftler Prof. Johannes Frasnelli an, dass Riech- und Sprachzentrum im Gehirn nur indirekt miteinander verbunden sind. Deshalb fällt es uns oft schwer, Geschmackseindrücke in Worte zu fassen.

Prof. Johannes Frasnelli | Neurowissenschaftler

Zurück zur Trinkpraxis: Wasser allein kann mit einem Feuerwerk an Aromen nicht mithalten. Darin gibt es sich beinahe konkurrenzlos bescheiden. Und doch kommt es auch beim Wasser darauf an, ob es einem schmeckt.

Was nehme ich wahr? Welches Wasser erscheint mir weich, welches erfrischend, welches kräftig? Woran erinnert mich das eine? Von welchem möchte ich sogleich noch einen Schluck trinken? Dabei geht es nicht um richtig oder falsch, sondern um das aufmerksame Beobachten dessen, was wir oft als gewöhnlich einstufen und bisher nicht bewusst nebeneinander wahrgenommen haben.

Vom Probieren übers Begreifen zum Ergreifen.

Greifen Sie zu dem Wasser, das Sie süffig finden. Kommt Ihnen ein kohlensäurehaltiges Wasser erfrischender vor als ein stilles, liegt darin für viele der Reiz des Sprudels: Das Prickeln wirkt im ersten Moment anregend. Bevorzugen Sie dagegen stilles Wasser, bleiben Sie dabei. Vielleicht liegt Ihnen aber auch ein leicht perlendes Wasser. Viele wechseln je nach Tageszeit: morgens vor dem Essen still, mittags sprudelnd, am Abend zum Runterfahren wieder still.

Schmeckt Ihnen das Leitungswasser, dann nur zu. Nach der Trinkwasserverordnung muss es rein und genusstauglich sein. Mundet es Ihnen nicht, lässt es sich nachbereiten, etwa durch Härtereduktion, Filtration oder dosierte Mineralisierung. Kommt das für Sie nicht infrage, begeben Sie sich getrost im Getränkemarkt auf Quellsuche.

Was mundet, trinkt sich leichter.

Wenn mir künftig Menschen berichten, dass sie auf ihrer Suche fündig geworden sind und seither mehr trinken, spontaner zu unterschiedlichen Wässern greifen und einfach mehr Freude am Wassertrinken haben, werde ich an Regina Rülckers Worte denken: „… wie kostbar Blumen und Pflanzen reagieren, sobald sie wieder Wasser bekommen.“

Quellen und Bildnachweise

Bildnachweise
Headermotiv: drei Gläser, Janosch Lino (unsplash)
Glas mit Schatten, Helio Dilolwa (unsplash)
Vier Gläser, ProWein26_TB8478
Eingeschenkt, Roger Günther
Zwei Frauen verkosten, ProWein26_MT39675
Flaschenmotiv, Greg Rosenke (unsplash)
Glas mit Schatten, Helio Dilolwa (unsplash)
Hecken-Rose, Serg Biryuchenski (unsplash)

Quellen
PDF Liste natürlicher Mineralwässer aus Deutschland, Stand 02.09.2025
Interview mit Johannes Frasnelli in DER STANDARD, 23. März 2023


Buchempfehlung
Johannes Frasnelli
Wir riechen besser, als wir denken
Molden Verlag
erweiterte Neuauflage 2021
ISBN 978-3-222-15037-1

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