Mehr als Bier und Wein
11. Dezember 2024
Von: André Uhlig ⁄ Wassersommelier
Die Sonderausstellung „Gesegnete Speisen – Vom Essen und Trinken im Mittelalter“ liegt inzwischen einige Zeit zurück. Nicht ganz so lange wie das Mittelalter, aber meine Frage ist geblieben: Was ist dran an der weitverbreiteten Vorstellung vom ungenießbaren Wasser im Mittelalter?
Dazu sprach ich mit Dr. Cornel Dora, dem Kurator der Ausstellung in der Stiftsbibliothek St. Gallen: „Herr Dora, über welche Zeit sprechen wir, wenn wir auf die Exponate Ihrer Ausstellung zurückblicken?“
Dr. Dora: In der Stiftsbibliothek St. Gallen befindet sich ein wertvoller Handschriftenbestand, der bis ins Frühmittelalter, punktuell sogar bis in die Spätantike zurückgeht. Die Ausstellung befasste sich also mit der ganzen langen Zeitspanne des Mittelalters.
Häufig wird in dieser Epoche von verschmutztem Wasser gesprochen. Schnell richtet sich die Aufmerksamkeit auf Bier und Wein. Haben Sie in Ihren Forschungen relevante Texte zum Wassertrinken im Mittelalter entdecken können?
Das war eine wichtige neue Erkenntnis für mich, dass wir das mit unseren Quellen nicht bestätigen können. Das Wasser spielt um das Jahr 1030/50 bei Ekkehart IV. nämlich auch als Lebensmittel eine wichtige Rolle. Frisches Quellwasser war und ist in St. Gallen immer verfügbar, und dementsprechend nimmt es in seinen Tischsegnungen erstaunlich viel Platz ein. Ekkehart widmet ihm als Getränk nicht weniger als elf Verse und führt seine Segnungen am Schluss über das Wasser zum Messopfer – nicht etwa über den Wein. Er nennt zudem das Wasser eine Medizin, die dem Wein überlegen sei.
Er nennt zudem das Wasser eine Medizin, die dem Wein überlegen sei.
Bier war im Mittelalter übrigens noch lange nicht haltbar, ebenso Most. Nur beim Wein kann deshalb von einem sicheren Getränk ausgegangen werden – und eben vom Wasser, wenn es Frischwasser war. Ich hoffe, dass die Ernährungsgeschichte diese Erkenntnis in Zukunft berücksichtigt. Wasser war ein wichtiges, vielleicht sogar das dominierende Getränk, wohl nicht nur in St. Gallen um die erste Jahrtausendwende.
Ist es möglich, dass die negativen Berichte von einst länger im Gedächtnis haften bleiben als die Tatsache, dass Wasser zum Trinken damals in bemerkenswerter Qualität verfügbar war?
Das betrifft nicht nur das Wasser, sondern die ganze Zeit des Mittelalters überhaupt. In der Wissenschaft ist schon längst bekannt, dass das nicht die schreckliche Epoche war, als die sie immer wieder dargestellt wird. Es war eine Zeit, in der im Vergleich zur Antike eine allgemeine Mitmenschlichkeit herrschte, viel stärker als in der Antike. Eine Zeit, die sich mit Blick auf die Rechenschaft beim Jüngsten Gericht an ethischen Werten orientierte, eine spirituelle und deshalb eine helle und keine dunkle Zeit. Ich nenne das Mittelalter das Zeitalter des Himmels, und das trifft es meines Erachtens recht gut.
Wasser war ein wichtiges, vielleicht sogar das dominierende Getränk.
Könnten solche Hinweise dazu beitragen, Essen und Trinken im Mittelalter differenzierter zu betrachten?
Die Ernährungsgeschichte ist noch allzu anekdotenverliebt. Natürlich ist es lustiger, wenn man sagt, dass die Leute Wein und Bier tranken und nicht Wasser. Wahr ist es aber leider nicht – und vernünftig auch nicht. Es gibt doch tatsächlich kaum etwas Frischeres als frisches Quellwasser. Und Wasser kann man ganz einfach genießbar machen, wenn man es kocht. Dass das bisher meist übersehen wurde, ist kein Ruhmesblatt.
Hat Sie dieser Fund auch über das Thema Wasser hinaus zu neuen Einsichten über den Alltag des Mittelalters geführt?
Selbstverständlich. Mir sind verschiedene Lichter aufgegangen, als ich mit Hilfe dieses 1.000 Jahre alten Textes von Ekkehart IV. ins Thema Essen und Trinken eingestiegen bin, und das kann uns tatsächlich helfen, heute zu einer nachhaltigeren Ernährungskultur zu finden. Dazu gehörte auch der Dank, den man vor jedem Essen in Form eines Gebets aussprach. Und eben: Wasser gehörte dazu.
Vielen Dank, Herr Dora, für das Gespräch.
Publikation zur Ausstellung
(PDF) Gesegnete Speisen – Vom Essen und Trinken im Mittelalter
Bildnachweise
Weintrauben, Nadya Filatova (unsplash)
ProWein Messe Düsseldorf, Constanze Tillmann
Selters Tonkrug, Frank Janowski
Wo sich Geschmack und Wirkung treffen
Auf der Messe in Nürnberg und ...
Lebensmittel: Schmecken sollen sie, und gesund sein, sonst kommen sie kein zweites Mal zu Hause auf den Tisch! Aber wie bekomme ich heraus, ob mir das, was ich esse oder trinke, guttut? Nach Dr. Uwe Geier beeinflussen wirksensorische Eigenschaften von Lebensmitteln unser Wohlbefinden und unsere Leistungsfähigkeit erheblich. Im Interview teilt er seine Erfahrungen, die er mit Mineralwasser gemacht hat.
Der Grande Dame begegnet
Vom Terroir der Weinrebe lernen
Längst hat die Spargelzeit begonnen. Meine Route führt mich durch Franken. Ich besuche ein paar Weingüter, um etwas über die Mineralität der Weinrebe zu erfahren. Dabei stoße ich in Würzburg auf einen Klassiker, der zum beliebten Wurzelgemüse passt.
Champagner, der Spass macht
Wer bereitet wem den Hof?
Entdecken Sie im 2. Teil des Genuss-Interview´s mit Stefanie Feuz, Sommelière - Weinabteilung, Globus, Zürich - die geschmackliche Raffinessen, die sich aus dem Zusammenspiel mit Wein & Wasser ergeben.