Mehr als Bier und Wein
09. Juni 2026
Von: André Uhlig ⁄ Wassersommelier
Die Ausstellung „Gesegnete Speisen – Vom Essen und Trinken im Mittelalter“ liegt inzwischen einige Zeit zurück. Nicht ganz so lange wie das Mittelalter, ... aber meine Frage ist geblieben: Was ist dran an der weitverbreiteten Vorstellung vom ungenießbaren Wasser in jener Epoche?
Dazu sprach ich mit Dr. Cornel Dora, dem Kurator der Ausstellung in der Stiftsbibliothek St. Gallen: „Herr Dora, über welches Zeitfenster sprechen wir, wenn wir auf die Exponate Ihrer Ausstellung zurückblicken?“
Dr. Dora: In der Stiftsbibliothek St. Gallen befindet sich ein wertvoller Handschriftenbestand, der bis ins Frühmittelalter, punktuell sogar bis in die Spätantike zurückgeht. Die Ausstellung befasste sich also mit der ganzen langen Zeitspanne des Mittelalters.
Häufig wird von verschmutztem Wasser gesprochen. Bis heute hält sich die Vorstellung, die Menschen hätten ihren Durst hauptsächlich mit Bier oder Wein gestillt. Haben Sie in Ihren Forschungen relevante Texte zum Wassertrinken gefunden?
Das war eine wichtige neue Erkenntnis für mich, dass wir das mit unseren Quellen nicht bestätigen können. Das Wasser spielt um das Jahr 1030/50 bei Ekkehart IV. nämlich auch als Lebensmittel eine wichtige Rolle. Frisches Quellwasser war und ist in St. Gallen immer verfügbar, und dementsprechend nimmt es in seinen Tischsegnungen erstaunlich viel Platz ein. Ekkehart widmet ihm als Getränk nicht weniger als elf Verse und führt seine Segnungen am Schluss über das Wasser zum Messopfer – nicht etwa über den Wein. Er nennt zudem das Wasser eine Medizin, die dem Wein überlegen sei.
Bier war im Mittelalter übrigens noch lange nicht haltbar, ebenso Most. Nur beim Wein kann deshalb von einem sicheren Getränk ausgegangen werden – und eben vom Wasser, wenn es Frischwasser war. Ich hoffe, dass die Ernährungsgeschichte diese Erkenntnis in Zukunft berücksichtigt. Wasser war ein wichtiges, vielleicht sogar das dominierende Getränk, wohl nicht nur in St. Gallen um die erste Jahrtausendwende.
Ist es möglich, dass die negativen Berichte von damals länger im Gedächtnis haften bleiben als die Tatsache, dass Wasser zum Trinken in bemerkenswerter Qualität verfügbar war?
Das betrifft nicht nur das Wasser, sondern die ganze Zeit des Mittelalters überhaupt. In der Wissenschaft ist schon längst bekannt, dass das nicht die schreckliche Epoche war, als die sie immer wieder dargestellt wird. Es war eine Zeit, in der im Vergleich zur Antike eine allgemeine Mitmenschlichkeit herrschte, viel stärker als in der Antike. Eine Zeit, die sich mit Blick auf die Rechenschaft beim Jüngsten Gericht an ethischen Werten orientierte, eine spirituelle und deshalb eine helle und keine dunkle Zeit. Ich nenne das Mittelalter das Zeitalter des Himmels, und das trifft es meines Erachtens recht gut.
Könnten solche Hinweise dazu beitragen, Essen und Trinken im Mittelalter differenzierter zu betrachten?
Die Ernährungsgeschichte ist noch allzu anekdotenverliebt. Natürlich ist es lustiger, wenn man sagt, dass die Leute Wein und Bier tranken und nicht Wasser. Wahr ist es aber leider nicht – und vernünftig auch nicht. Es gibt doch tatsächlich kaum etwas Frischeres als frisches Quellwasser. Und Wasser kann man ganz einfach genießbar machen, wenn man es kocht. Dass das bisher meist übersehen wurde, ist kein Ruhmesblatt.
Wasser war ein wichtiges, vielleicht sogar das dominierende Getränk, wohl nicht nur in St. Gallen [...].
Kann uns Ihr Forschungsgegenstand etwas für unser heutiges Selbstverständnis oder unseren Alltag mitgeben?
Selbstverständlich. Mir sind verschiedene Lichter aufgegangen, als ich mit Hilfe dieses 1.000 Jahre alten Textes von Ekkehart IV. ins Thema Essen und Trinken eingestiegen bin, und das kann uns tatsächlich helfen, heute zu einer nachhaltigeren Ernährungskultur zu finden. Dazu gehörte auch der Dank, den man vor jedem Essen in Form eines Gebets aussprach. Und eben: Wasser gehörte dazu.
Vielen Dank, Herr Dora, für das Gespräch.
Stiftsbibliothek St. Gallen, Schweiz
www.stiftsbibliothek.ch
www.stiftsbezirk.ch
Führungen und Auskunft
tours@stiftsbezirk.ch
+41 71 227 34 16
Geschmackssache
Ein Herzensanliegen
Im Gespräch mit Dr. med. Marco Mierzwa, Facharzt für Herzchirurgie, geht es um mehr als eine ausreichende Trinkmenge. Wir sprechen über Mineralstoffe, die für Herz und Kreislauf essenziell sind, und über drei Wasserarten, deren Herkunft und Geschmack kaum unterschiedlicher sein könnten: ein natürliches Mineralwasser, ein optimiertes Leitungswasser und ein frei zugängliches Heilwasser.
Fasten und Wasser
Strategie: Gesünder leben.
Mit „12 Tage ohne Essen“ betrat ich Neuland. Was beim Fasten passiert und welche Rolle dabei das Trinken von Wasser spielt, will ich genauer wissen. Meine Fragen werden beantwortet von Prof. Michalsen, dem Bestsellerautor von „Heilen mit der Kraft der Natur“ und Chefarzt der Station für Naturheilkunde im Immanuel Krankenhauses Berlin-Wannsee.
Wasser überrascht:
Das unterschätzte Getränk
Unser wichtigstes Lebensmittel löscht nicht nur den Durst. Es hat zahlreiche Eigenschaften, die selbst in unserer aufgeklärten Zeit bislang unbeachtet geblieben sind. Wer weiß schon, dass Wasser Entzündungen lindern kann, sobald sein Gehalt an Sauerstoff reduziert wird? Überraschende Fakten zur Wirkung von Wasser.